Hier ein kleiner Ausschnitt aus einigen unserer Ausstellungstafeln:

Deutschland und Namibia heute

Mit der Unabhängigkeit Namibias am 21. März 1990 nahmen damals noch die Bundesrepublik und die DDR getrennt diplomatische Beziehungen auf, wobei aber bereits erkennbar war, dass diese Dualität nur ganz kurz bestehen würde. Formell ab 3.10.1990, der deutschen Wiedervereinigung, gab es nur noch eine deutsche Botschaft in Namibia.

Der erste (bundes-)deutsche Botschafter war Harald Ganns. Er hatte die schwierige Aufgabe, die zunächst sehr unterschiedlichen Vorstellungen beider Seiten, vor allem auf dem Gebiet der Entwicklungszusammenarbeit, einander anzunähern. Denn die neue Swapo-Regierung war eng mit der untergegangenen DDR und ihren Vertretern befreundet, weniger intensiv mit der nun dominierenden früher westdeutschen Regierung.

Größter Stolperstein war die Erwartung Namibias, dass die zuvor jahrelang aus Bonn zugesagte millionenschwere Entwicklungshilfe als verlorener Zuschuss geleistet würde, während die deutschen Haushaltsregeln weitgehend nur Darlehen vorsahen. Namibia und sein deutschstämmiger erster Finanzminister, Dr. Otto Herrigel, aber wollten nicht die Fehler anderer junger Afrikastaaten wiederholen, sich mit hohen Auslandsschulden zu überladen.

Nach diesen – mühsam gelösten – Anfangsproblemen aber entwickelten sich die zwischenstaatlichen Beziehungen zusehends freundlicher und kooperativer und werden heute von den Spitzen beider Staaten als sehr positiv bezeichnet.

Dies drückte sich u.a. in mehreren Spitzenbegegnungen aus:
  • Im September 1995 besuchte Bundeskanzler Helmut Kohl Namibia
  • Im Juni 1996 war der namibische Präsident Sam Nujoma erstmals zu einem Staatsbesuch in Deutschland
  • Im März 1998 erwiderte Bundespräsident Roman Herzog den Staatsbesuch in Namibia
  • Im Juni 2002 war Namibias Präsident Nujoma zu einem offi ziellen Besuch in Deutschland, veranlasst durch die Einladung der Deutsch-Namibischen Gesellschaft (DNG) zu ihrem 25-jährigen Jubiläum
  • Im Oktober 2003 besuchte Vizekanzler und Außenminister Joschka Fischer Namibia
  • Ende November 2005 war der neue namibische Präsident Pohamba zu einem Staatsbesuch in Deutschland
Daneben fanden und finden eine bemerkenswerte Anzahl gegenseitiger Besuche von Ministern und Parlamentariern einschließlich der Parlamentspräsidenten statt.

Dem ersten deutschen Botschafter Harald Ganns folgten die Botschafter Dr. Hanns Schumacher (1993–1997), Harald N. Nestroy (1998–2003), Dr. Wolfgang Massing (2003–2006) und derzeit Arne Frhr. von Kittlitz.

Seit 1991 besteht die namibische Botschaft in Deutschland. Erste Botschafterin wurde 1992 Nora Schimming-Chase. Ihr folgte 1996 Hinyangerwa P. Asheeke, der bis Januar 2003 amtierte. Der deutschstämmige und deutschsprachige Hanno B. Rumpf war von 2003–2006 Botschafter, jetzt gefolgt von Prof. Dr. Peter H. Katjavivi.



„DDR-Kinder“ und Kinder aus Mischehen

Die „DDR-Kinder“, oder „schwarze Deutsche“

Während des Kampfes der namibischen Befreiungsbewegung Swapo gegen Südafrika in den 1970er und 80er Jahren bestanden Flüchtlingslager in Angola und Sambia. Eines davon, Cassinga in Angola, wurde 1978 von südafrikanischen Truppen aus der Luft und am Boden überfallen. Es gab Hunderte Tote, viele Kinder verloren Vater oder Mutter oder beide Eltern.

Die Swapo bat daraufhin befreundete Länder um Hilfe und Aufnahme der Kinder. Die DDR erklärte sich sofort dazu bereit.

So kamen ab 1979 bis 1989 rd. 430 namibische Kinder nach Deutschland und wurden zunächst in Bellin (Mecklenburg-Vorpommern) in einem Kinderheim untergebracht, später besuchten sie in Staßfurt bei Magdeburg (Sachsen-Anhalt) die Schule. Insbesondere die ältesten von ihnen lebten die ganzen Jugendjahre in der DDR und wuchsen „deutsch“ auf.

Die politische Wende in der DDR und die Unabhängigkeit Namibias führten im August 1990 zu einer überstürzten Rückführung der Kinder und Jugendlichen nach Namibia. Die notwendigen Voraussetzungen für ihre Integration fehlten, sie standen plötzlich in Windhoek in einer völlig fremden Welt. Für die Schwarzen dort, oft sogar für die eigene Familie, waren sie Fremde, „Deutsche“. Für die
Deutschstämmigen in Namibia wiederum, zu denen es sprachlich keine Hürden gab, waren sie zwar überraschend „deutsch“, aber eben doch schwarz. Sie standen zwischen zwei Kulturen, zwischen zwei Welten. „Innen weiß und außen schwarz“, wie es ein Mädchen formulierte.

Heute nennen sie sich „Omulaule“. Das ist Oshiwambo und bedeutet schwarz. Zwischenzeitlich hatten sie ihren regelmäßigen Treffpunkt „Ossi-Club“ genannt.

Auf dem Weg in die Gegenwart: Kinder aus Mischehen

Sie sprechen Deutsch, haben deutsche Vorfahren und sind doch auf den ersten Blick nicht als Deutsche zu erkennen: Namibias Kinder und Enkel aus Mischehen, Nachkommen deutscher Schutztrupplern oder Pioniere und der Ureinwohner Namibias. In Apartheidszeiten wurden sie nicht als vollwertige Bürger anerkannt, auch heute noch leben viele zwischen zwei Welten. Zwei Beispiele:

Ruprecht von François

Er ist ein Urenkel von Landeshauptmann Kurt von François, einem der ersten kaiserlich beauftragten Schutztruppler der deutschen Kolonie Südwestafrika, und der Damarafrau Amalia Gawaxas. Damara/Nama und Afrikaans sind seine Muttersprachen. Deutsch lernte er erst von einem evangelischen Missionarsbeauftragten. Durch ihn lernte er auch auf einer Deutschlandreise seine künftige Frau, Petra Engels, kennen, die später nach Südwestafrika zog. „Ein paar Monate lang gab es ein Versteckspiel“, erzählt das heute in Windhoek lebende Ehepaar.

„Nichtweiße durften sich ja nach Sonnenuntergang nicht mehr in den 'weißen' Stadtteilen aufhalten.“ So wanderten beide in die BRD aus. Nach 18 Jahren kehrte er zurück und lebt heute wieder in Namibia: „Ich werde hier gesehen wie ein Damara mit falscher Mentalität oder wie ein Deutscher mit falscher Hautfarbe.“

Nora Schimming-Chase

„Ich bin Namibierin“, bekräftigt Nora Schimming-Chase immer. „Zu einem Viertel bin ich Damara, ein Viertel Herero und zu 50% deutscher Abstammung.“

Beide Elternteile stammen aus Mischlingsbeziehungen und haben deutsche Väter. Ihr Vater Schimming war einer von zwei Söhnen aus der Ehe mit der Hererofrau Meta Ngatjikare. Die Ehe musste jedoch geschieden werden, als der Deutsche Reichstag nach dem Hereroaufstand von 1904 zu erkennen glaubte, dass die Rassenmischung in der Kolonie nur die jeweils schlechtesten Eigenschaften an die Nachkommen vererbe.

Für ihren Kampf gegen die Apartheid in Namibia ging Nora Schimming-Chase nach Tansania. Später begann sie ein Studium in West-Berlin und so wurde die Bundesrepublik zu ihrer zweiten Heimat. Sie engagierte sich in der Befreiungsbewegung SWANU und ist immer wieder im Ausland unterwegs. Nach der Unabhängigkeit Namibias wird sie 1992 die erste namibische Botschafterin in Deutschland. 1997 verleiht ihr der Bundespräsident das Große Bundesverdienstkreuz für ihren Beitrag zur Festigung der guten Beziehungen zwischen Namibia und Deutschland.